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nimm Dein kleines Schwesterlein, und dann nüscht wie raus zum ...
von Kathrin Hampel
Was kann man sonntags schon machen, wenn der Sommer 34 schwüle Grad hat, und man selbst nur über einen Balkon verfügt, auf dem es nicht auszuhalten ist? Der Berliner fährt raus zum Wannsee wie eh und je.
Man rattert mit der S-Bahn hin, steigt Haltestelle Nikolassee aus, so wie meine Freundin und ich. Badetaschen über der Schulter, den Bikini schon drunter, trotten wir durch den altehrwürdigen Grunewald - Teil eines Menschenstroms in kurzen Hosen. Die meisten stauen sich vor der Badeanstalt, aber man kann sich genausogut einen halben Kilometer weiterschleppen und ohne Eintritt ins Wasser gehen.
Selbst hier auf dem Waldweg schieben wir durch die Tropenhitze wie durch eine klebrige Masse. Die Freundin macht barfuß weiter. Nur die Kühlungserwartung trägt uns über spitze Kiesel.
Das Strandstück, das wir wählen, ist nicht nur voller Menschen, sondern auch voller pieksendem Gestrüpp, zwischen dem drachenförmige, Käfer krabbeln. Auf jedem freien Stück ist ein Handtuch ausgebreitet.
„Bloß nicht bei den ganzen Pimmeln!“
Es ist leider wahr: Die Berliner baden häufig nackt, beziehungsweise stehen vor ihrem Handtuch aufrecht im gnadenlosen Sonnenschein wie Conan der Barbar, rostbraun, Tattoo auf dem Arm, Hängebauch über dem Pimmel, ein provozierendes Ihr-könnt-ja-woanders-hin-Grinsen im glühenden Gesicht. Sie stemmen die Hände in die bloßen Speckhüften, schieben ihr Becken vor. Zu ihren Füßen döst ihre ebenso lederhäutige Jane mit Fußkettchen und neongrellem Nagellack.
Ganz hinten, wo das Schilf beginnt und Bäume Schatten spenden, breiten wir unsere Handtücher aus. Sofort stürmen Ameisen die Frottee-Landschaft. Wir schlängeln uns aus unseren Röcken, richten uns so häuslich ein, wie Frauen nun mal sind. Keine drei Meter entfernt lagert ein nackter, schlanker, etwa 30-jähriger Mann mit gespreizten Beinen auf dem Rücken, der selbst schuld ist, dass wir ihn ignorieren. Es ist nicht nur wegen seiner Blöße, sondern auch wegen der Schnapsflasche unter seiner zusammengerollten Jeans.
„Jetzt aber rein!“ Wir zupfen die Bikini-Hosen zurecht und staksen ins Wasser. Am Ufer hat es einen schleimigen Rand. Auch fünfzig Meter weiter reicht es uns nur bis zum Knöchel und ist entsprechend lauwarm. Ich versuche zu schwimmen, doch mein Bauch schrabbt über den sandigen Grund.
Neben mir dümpelt ein Ruderboot mit einem angekokelten, ältlichen Ehepaar, das wie ein Sieger auf mich herabsieht. Ihre schwarze Haut droht in der grellen Sonne zu platzen. Kaum ein Lüftchen weht. Der Wannsee schimmert. Weit entfernt weiße Segel und Ausflugsschiff-Wellen. Es schwimmt fast niemand hier, sie staksen durch das Uferwasser, damit durch die Reflektion noch mehr Sonne auf ihr Röstfleisch fällt.
Von unserem temporären Grundbesitz haben wir wieder die Aussicht auf geölte Liegende, die in Bewusstlosigkeit gefallen sind. Mischlingshunde toben durch das Wasser, von plantschenden Kindern mit Schwimmflügelchen verfolgt. Ein fetter, alter Mann schleicht hinter uns durch das Gebüsch. Er trägt Shorts, sein Oberkörper hat viele rote Flecken, sein Blick ist unstet und aus Kleister.
Da rollt eine ältere Frau ihr rostiges Rad heran, lehnt es an „unseren“ Busch und grüßt in herber Tonlage. Wir ahnen: Dies ist ihr Stammplatz seit Jahr und Tag. Sie zieht ihre Shorts, ihren Schlüpfer herunter, ruft herrisch dem fetten Gaffer zu: „Da geht es nicht weiter. Da fängt ein Zaun an. Sie haben hier nichts zu suchen.“ Er stolziert drohend und krachend durch das Gebüsch, entfernt sich aber.
Angesichts der dicht vor unseren Augen schwebenden, breiten, blanken Kehrseite fangen wir an zu kichern.
Auf stämmigen Beinen dreht sich die Frau um, schaut auf uns herab, und wir auf ihr graues, zerrupftes Schamhaar. Auch sie stemmt die Hände in die Hüften. „Hier gibt es welche, die geben sich als Wachdienst aus und sind in Wirklichkeit Neonazis“, plaudert sie. Meine Freundin nickt, und ich verfluche sie. „Passen Sie ja auf Ihre Sachen auf, hier ist schon einiges geschehen“, orakelt sie weiter über unsere Köpfe.
Der Typ mit der Schnapsflasche zeigt hinter ihrem Rücken einen Vogel.
Im Schatten trocknen unsere Bikinis nicht. Die Handtücher, auf denen wir sitzen, sind feucht und Dreck bleibt daran kleben.
Wir räkeln uns aus dem nassen Zeug, während uns die Nackten gleichmütig betrachten. Vom nächsten Baum schielt ein junger Mann herüber, sein Körper ein Gedicht. Er bekommt eine Erektion. Wir wenden uns höflich ab und schauen auf den Wannsee hinaus. Ich sage würdevoll: „Das erfreut und entsetzt mich.“
Meine Freundin packt ein Butterbrot, eine ganze Gurke und ein Schälmesser aus. Das Gemüse bietet Anlass für pubertäre Witze. Meine Freundin hat den Typ vor uns im Verdacht, alle mitzuhören. Der Schatten rückt weg, und wir müssen ihm nachziehen, bis wir im Rücken Dornen und Widerhaken haben.
Nicht wesentlich abgekühlt, voller Kletten, blutigen Kratzern an den Waden, mit schlecht sitzendem Haar, unter dem Arm einen Wasserball im Fußball-Design, der kein Herrchen hatte, und natürlich den Gurkenschalen in einer Tüte machen wir uns auf die Heimreise in die große, heiße Stadt.
Immerhin - wir waren schwimmen.

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