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Perlen des Alltags: Abendkleid
von Gabriele Bärtels
Ich bin zu einer Gala eingeladen. „Was soll ich anziehen?“, fragte ich in höchster Aufregung den Gastgeber.
„Ein Abendkleid natürlich!“
Eine Frau im Abendkleid ist die höchste Steigerung der im Alltag heruntergedimmten Weiblichkeit, hier kann sie aus vollen Rohren feuern. Das Wort allein ließ eine Welt aus Glanz und Gloria entstehen: Auf roten Teppichen präsentieren sich Damen, als ob in der Sauna Weihnachten wäre. Sie tragen grässliche Fummel, in denen sich hemmungslos Designer-Fantasien ergossen haben, und an denen trotzdem kaum Stoff dran ist. Auf stricknadeldünnen Absätzen staksen sie lässig lächelnd an den Fotografen vorbei und können vermutlich nicht liegen, sitzen, stehen. Eine Klatschreporterin zoomt auf das ausladende Dekollete einer Prominenten und berichtet genüsslich: „Hier fällt alles raus.“
Ich spürte, wie ich Stress bekam. Mit Jeans und T-Shirts kenne ich mich aus, ein Abendkleid habe ich noch nie besessen. Gut möglich, dass ich mich nur dieses eine Mal im Leben maximal aufbrezeln konnte. Um dies auch zu genießen, musste meine Erscheinung perfekt sein, etwas anderes kam überhaupt nicht in Frage.
Mein Herz schlug noch wilder, als mir dämmerte, dass es mit dem Kleid nicht getan war. Um einen glamourösen Auftritt zu haben, braucht man außerde, die passenden Schühchen, eine Handtasche, Stola, Schmuck, und in Baumwoll-Unterwäsche mit Wochentagsaufdruck will man auch nicht auftauchen. Ich zog Wanderstiefel an, packte ein belegtes Brot ein und rüstete mich für einen dreitätigen Streifzug durch einschlägige Geschäfte.
Das erste betrat ich schüchtern. Angesichts der vollen Ständer lernte ich rasch, dass neunzig Prozent aller Abendkleider schwarz sind. Aber wenn schon ein Kleid, in dem man rücksichtslos schön sein darf, dann sollte es alle meine Kleinmädchen-Wünsche erfüllen, und ich träumte als Kind TausendundeineNacht nicht in schwarz. Das verringerte die Auswahl drastisch.
Die Verkäuferin zerrte ein Schneidermeisterwerk nach dem anderen vom Gestänge, hob es hoch über ihren Kopf, damit es nicht über den Boden schleifte. Es waren Gebilde, für die man eine Bedienungsanleitung brauchte, und da wir die nicht hatten, rätselten wir zu zweit eine halbe Stunde, wie denn nun die Bändchen und Schnürungen gedacht waren, wo die Raffung zu sitzen hatte. Es befanden sich rauschende Gewänder darunter in grellen Plastikstoffen, und es glitzerte derart, dass eine Elster angeflogen kam und mit dem Schnabel von außen gegen die Schaufensterscheibe pickte.
In kaltem Metallstoff trat ich vor den Spiegel und drehte mich in Stoppschild-roter Seide, stolperte über Lurex-Schleppen, die mich elektrisch aufluden, und versuchte, meine BH-Träger in schulterfreien, strassumrahmten Ausschnitten zum Verschwinden zu bringen, verrenkte mir das Kreuz beim Versuch, ein besonders dünnes Nichts vom Körper zu schälen und trug die ganze Zeit meine Wanderstiefel, brauchte also viel Fantasie. Ich begriff, dass es von einer frischerblühten Nachtrose zu einer Schießbudenfigur nur ein Schrittchen weit ist: Nacheinander sah ich aus wie ein Würstchen in Pralinenpapier, eine Elfe im Rotlichtbezirk, eine Stiftsdame auf einem Karnevalswagen, eine Landpomeranze beim Neujahrsempfang des Bundespräsidenten.
Offenbar geht die Bekleidungsindustrie davon aus, dass der überwiegende Teil der Abendkleid-Käuferinnen Silikonbusen hat, anders kann ich mir nicht erklären, weshalb mir die Verkäuferin in den meisten Fällen beherzt an die Oberweite griff: „Das können Sie doch einfach ausstopfen“, während es in den Hüften wunderbar passte.
Bei Ladenschluss sanken die Verkäuferin und ich uns heulend in die Arme. Ich hatte nichts gefunden, auch nichts getrunken und gegessen, das belegte Brot in meiner Tasche war matschig geworden. Ich wanderte heim, eine verwachsene Vogelscheuche, versunken in trübe Gedanken.
Verzagt bin ich am nächsten Morgen wieder los. Gleich das erste Kleid war der Volltreffer. Ich hätte es nicht anziehen mögen, wenn die Verkäuferin es mir nicht aufgedrängt hätte. Es war ganz anders als alle anderen, in einem dunkelgold-senfgelb-changierenden Knitterstoff, gewickelt wie ein Kimono, mit langen Ärmeln und einem dramatisch geschwungenen Ausschnitt. Sie überredete mich, in ein Paar hohe Sandalen zu schlüpfen. Von meinem Spiegelbild war ich schlichtweg hingerissen.
Die Verkäuferin hauchte ehrfürchtig: „Diese Farbe, dieser Schnitt. Sie sehen aus wie eine Königin. Ganz verwandelt, irgendwie asiatisch. Gehen Sie doch mal ein paar Schritte.“
Hochaufgerichtet ging ich ein paar Schritte und grüßte probeweise nach rechts und links. Es stimmte: Ich war großartig, prachtvoll, damenhaft, rasant, zurückhaltend auffallend, teuer, einfach außergewöhnlich angezogen und dezent freigelegt. Ja, dieses Kleid passte zu mir und schränkte meinen Bewegungsspielraum in keiner Weise ein. Ich konnte es dann nicht kaufen, weil es über tausend Euro kostete. Schluchzend verließ ich den Laden.
Heute ist der siebte Tag meiner Abendkleid-Suche, und die Gala beginnt um 20 Uhr. Ich habe Muskelkater vom Anprobieren und Beulen von den engen Kabinenwänden, bin von Stecknadeln zerstochen und mit allen Textil-Verkäuferinnen der Stadt per Du. Vor einer Stunde - ich wollte schon kurzfristig absagen - habe ich es endlich ergattert: Einen hellblauen, französischen Traum aus Tüll und drei Lagen Seide, figurbetont geschnitten, gleichzeitig bequem und an den wichtigen Stellen undurchsichtig. Jetzt muss ich wieder los. In neun Stunden schließen die Geschäfte und mir fehlen noch sämtliche Accessoires. Unterwegs werde ich schon mal dieses lässige Lächeln üben.
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