Der Winter ist in diesem Jahr früh dran. Überzeugend weiß läutet er bereits im November die Adventszeit ein. Nicht zu übersehen die Weihnachtsbeleuchtungen in den Straßen, die Spekulatiusberge allüberall. Beim Bäcker zuckerbespritzte Lebkuchen-Häuschen, Adventskalender für Erwachsene belagern die Regale der Lifestyle-Läden und Weihnachtslieder dringen aus sämtlichen Lautsprechern.
Das Angebot ist bunt und vielfältig und macht selbst vor Arztpraxen nicht halt.
Eine bunte Palette verlockender Offerten liegt in den Wartezimmern aus. Alles, was die Krankenkassen nicht (mehr) bezahlen oder was dem derzeitigen Wellness-Trend entspricht, kann gegen bare Münze geordert werden. Es gibt ganze Listen. Dazu Preise wie auf der Speisekarte eines gehobenen Feinschmeckerrestaurants.
Was die Botoxspritzen und Krebsvorsorge dem Hautarzt, sind die mikrobiologische Therapie und Vitamin-C-Infusionen dem Allgemeinmediziner. Wie wäre es also mit einer Osteodensiometrie – strahlenfrei durch Ultraschall – für fünfzig Euro oder doch lieber die Bachblütentherapie für sechzig? Diagnostik und Behandlungen gehen wild durcheinander. Alles so schön bunt hier. Der reinste Basar. Auch bei den Gynäkologen. Mammografie kostet extra und Ultraschall der Eierstöcke auch. Vielleicht sollte man versuchen, zu handeln: Zweimal Brustultraschall gibt einmal Eierstöcke gratis dazu?
Man muss die Mediziner auch verstehen: Wer lässt sich schon gern in Punktwerten bezahlen, wo der Euro mittlerweile die harte Währung Europas ist? Wir sind doch keine Neandertaler mehr, die mit Muscheln und Steinchen tauschen. Und Punktwerte entsprechen einigen Cents, nicht etwa Euro. Da kann ein Arzt schon mal den Überblick verlieren, schließlich ist er Mediziner und kein Wirtschaftler. Also Leistung gegen Bares. Das ist irgendwie reeller.
Fragt sich nur, was von diesen ganzen homöopathischen Anamnesen, Impfungen oder Eigenbluttherapien sinnvoll ist. Der Überblick geht leicht verloren, die Versuchung ist groß, sich etwas Gutes zu tun im Sinne der Gesundheitsprävention, am Besten etwas, das viel hermacht, etwas exotisch ist oder zumindest schön weihnachtlich glitzert. Ayurvedische Medizin vielleicht. Oder Traditionell Chinesische?
Klar, dass der Hautarzt Anti-Aging macht, aber die Gynäkologin? Schönheit kommt von innen, liest man da und die Enzympräparate werden gern von engagierten Kollegen jeder Fachrichtung verschrieben. Auf Privatrezept versteht sich. Jeder möchte mitmischen, denn die Praxen finanzieren sich häufig nur noch über die Privatpatienten. Ein Lob den Ärzten, die überhaupt noch Kassenpatienten behandeln! Der Eid des Hippokrates scheint auf ein einfaches „Nihil nocere!“ (lapidar übersetzt: kann ja nichts schaden) geschrumpft worden zu sein.
Und in der Tat, schaden tut keine der vielen sogenannten IGEL-Leistungen (Individuelle Gesundheitsleistungen). Doch misstrauisch wird man schon, angesichts der bunten Verpackungen und blumigen Beschreibungen. Man mag sogar den Drang verspüren, auch auf dem Gebiet der eigenen Gesundheit zum Konsumverweigerer zu werden. Geiz ist geil – und wenn ich meine Krebsvorsorge kriegen kann, ohne die zehn Euro zu bezahlen, dann lasse ich mich eben schweigend auf den gynäkologischen Stuhl setzen und sage abgesehen von „Guten Tag“ und „Auf Wiedersehen“ kein einziges Wort. Beratung wird nicht honoriert. Dahin ist die gute Arzt-Patientinnen-Beziehung. Weggespart vom Gesundheitssystem und den Patienten gleichermaßen. Was übrig bleibt sind die Leistungen, die von den Krankenkassen zu einem modernen Stoppelschnitt zurecht gestutzt wurden, der nicht jedem steht: Wenn also Eierstockkrebs bei einer jungen Frau auftritt, die von ihrer Gynäkologin niemals einen Ultraschall bekommen hat, da die Kasse dies nicht zahlt. Die Ärztin hat sich nicht zur Marktschreierin ihres Handwerks aufgeschwungen – und ist vom Gericht verurteilt worden. Weil sie es versäumt hat, die Frau über die Möglichkeit des selbst finanzierten Ultraschalls aufzuklären, von dem die Kasse sagt, er bringe nichts. Ein Widerspruch, dem wir die farbigen Wunschleistung-Listen zu verdanken haben. Machen die Wartezimmer informativer und die Eigenverantwortung größer.
Und unsereins, die wir uns gerade mit dem Gedanken tragen, was wir unseren Liebsten zum Weihnachtsfest schenken wollen, stimmt es vielleicht sogar ein wenig froh, zwischen all den CDs, Oberhemden und Parfümflakons die Möglichkeit einer ungewöhnlichen Alternative zu entdecken. Ich für meinen Teil werde mich für den Brustultraschall beidseits für vierzig Euro entscheiden. Weil ich es mir wert bin, um mit Claudia Schiffer zu sprechen. Mein Mann wollte schon immer mal eine Sportuntersuchung haben. Soll er doch – die Freiheit nehm` ich mir! Meiner schwangeren Schwester schenke ich einen Toxoplasmose-Test zum Fest und für meine Mutter nehme ich einen Gutschein für die Sonografie der Eierstöcke. Das ist der wahre Luxus in unseren gesundheitsreformerischen Zeiten – und vielleicht habe ich damit sogar ihr Leben gerettet.
von Maria Fangerau
Maria Fangerau ist Fachärztin für Frauenheilkunde, Ärztin für Naturheilverfahren und Autorin. Ihr erster Roman ”Göttin in Weiß” erschien im Herbst 2005 im Iatros-Verlag. Der nächste Roman ist in Arbeit.

Möchten Sie Ihre Liebsten nicht einmal mit einem Toxoplasmose-Test überraschen? In deutschen Wartezimmern gibt es alles und noch mehr zu kaufen


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