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Babyface
Jung zu wirken klingt wie ein Geschenk der Götter, hat aber auch Nachteile – beispielsweise muss ein Babyface im Beruf dauernd um Respekt und Anerkennung kämpfen. Schlimmer ist eigentlich nur, plötzlich doch zu altern, findet
Barbara Bierach
Mein ganzes Erwachsenenleben lang bin ich für jünger gehalten worden, als ich bin. Das hat natürlich Vorteile. Als Buchautorin muss ich noch nicht mit einem zehn Jahre alten Foto auf der Umschlagklappe mogeln und auch die Plakate, die meine Lesungen ankündigen, ziert ein aktuelles Foto. Inzwischen 41, werde ich von den Männern immer noch in Augenschein genommen. Zumindest pfeifen mir die Bauarbeiter auf der Straße nach wie in alten Zeiten und die Kellner beim Italiener nennen mich unverdrossen „Signorina”. Verkäuferinnen in Modegeschäften halten mir strahlend Röckchen unter die Nase, die ich für mein Alter unpassend kurz finde.
Die jugendliche Ausstrahlung ist nicht mein Verdienst. Okay, ich versuche inzwischen, nicht mehr die ganze Tafel Schokolade auf einmal zu fressen und versuche mehr Wasser und weniger Wein zu trinken. Außerdem kämpfe ich regelmäßig dagegen an, dass ich Sport machen noch langweiliger finde als Sport im Fernsehen anzugucken. Aber in Wahrheit sind es die Gene. Mein Vater hat mit knapp 80 Jahren noch eine neue Freundin gefunden. Seine freie Zeit bringt er damit zu, seine Fremdsprachenkenntnisse zu vertiefen und mit seiner Lady durch Europa zu reisen. Meine Mutter sieht immer noch so jung aus, dass es peinlich ist. Bei einem Familienfest deutete unlängst eine entfernte Bekannte auf meine Frau Mamma und wandte sich dann an ihre Schwester mit den Worten: „Das ist aber nett, dass ihre Tochter auch hier ist!” Damals war meine Tante 73 und meine Mutter 70.
Bevor jetzt Neid aufkommt: Jung aussehen hat wirklich Nachteile. Die vergangen zwei Jahre lebte ich in New York und bin tatsächlich von Türstehern in Manhattan immer wieder nach meinem Ausweis gefragt worden. Wenn ich den vergessen hatte, kam ich nicht rein, nicht mal nach meinem 40. Geburtstag und die Freunde feierten ohne mich weiter.
Als Volontärin von Mitte Zwanzig bei der deutschen Ausgabe des US-Wirtschaftsmagazins „Forbes” nannten mich die Kollegen „Barbie”. Die Zusammenziehung der beiden ersten Silben meines Namens hatte allerdings weniger mit meiner Sexyness zu tun und mehr damit, dass die dachten, ich spiele in meiner privaten Zeit noch mit Puppen. Ich wechselte als Redakteurin zum Düsseldorfer Magazin „Wirtschaftswoche”, doch es half alles nichts. Es dauerte ein halbes Jahr und ein Dutzend brauchbarer Texte bis mein Büronachbar – ein alter Recke um die 50 in Tweedjacket mit Lederflecken auf den Ellenbogen - sich herabließ, meine Anwesenheit in den heiligen Hallen der Redaktion zu akzeptieren und meinen morgendlichen Gruß zu erwidern.
Die Interviews mit Unternehmenskapitänen, die der Job mit sich brachte, waren meinerseits immer mit Herzklopfen verbunden. Die ersten zwei Fragen mussten unbedingt eiskalt und bestechend clever rüberkommen. Gelang es nicht, denen innnerhalb von drei Minuten beizubiegen, dass sie mich besser ernst nehmen, hatte ich verloren – die behandelten mich bestenfalls wie eine Freundin ihrer Tochter. Einer nannte mich tatsächlich „Engelchen”, bevor er vorschlug, das Gespräch doch ins Restaurant zu verlegen. Ein anderer, Chef eines Stahlkonzerns, redete geschlagene 90 Minuten lang ausschließlich mit dem grünschnäbeligen Volontär, den ich im Schlepptau hatte. Eigentlich wollte ich dem Jungspund beibringen, wie ein gutes Interview abzulaufen hat. Da er jedoch mit 26 schon eine Halbglatze hatte und in seinem Anzug eher ältlich aussah, brachte er mir am Ende etwas bei: Die Menschen glauben fest an den Zusammenhang zwischen Oberfläche und Inhalt.
Oft habe ich mich genau deswegen betrogen gefühlt. In der Annahme, dass ich deutlich jünger sei als ich an Jahren zählte, hielten Fremde mich oft für noch unerfahrener, naiver, dümmer, als ich es ohnehin schon bin. Irgendwann habe ich dann angefangen, krampfhaft über meine fortgeschrittenen Jahre zu reden: „In meinem Alter fängt man an, die Dinge anders zu sehen...” oder „Ach, dafür bin ich schon zu alt...” Viele meiner Gesprächspartner müssen gedacht haben: „Was für eine spießige Kuh, kaum den Pickeln entwachsen, denkt die schon an ihre Rente!” Unser Alter ist ein wichtigerer Teil unserer Identität als uns lieb sein kann.
Ernsthaft klar wurde mir das erst, als das amerikanische Time-Magazin unlängst aus einem meiner Bücher zitierte und mein Alter dabei mit „51” angab. Zehn Jahre mehr, als in meinem Pass steht! Ich betrachtete mein Gesicht im Spiegel und musste feststellen: Mit dem ständigen Nennen meines tatsächlichen Alters wirke ich nun plötzlich wie ein Angler, der nach Komplimente fischt. Die Leute spielen zwar immer noch mit und gratulieren mir zu meiner Jugendlichkeit, doch immer öfter denke ich: „Die finden dich bloß albern”.
Kurz: Lange jung aussehen verdirbt am Ende den Charakter. Die Abhängigkeit von den Versicherungen anderer, dass ich ja ach-so-taufrisch wirke, verbergen bloß meine Unsicherheit und die nagende Sorge, dass die Zeichen der Zeit auch in meinem Gesicht unübersehbar werden. Denn nach einer durchzechten Nacht und einer intensiven Knautschbeziehung zu meinem Kopfkissen sehe ich in der Tat aus wie ein Apfel im Frühling.
Das Schlimmste am gewohnheitsmäßigen Jungsein ist jedoch, dass es einem die Illusion der Unverletzlichkeit gibt. Und dann steht man plötzlich nackt im Bad und starrt auf einige unerwünschte Rundungen und Senkungen, die da vorher nicht waren. Klügere Altersgenossinnen sehen die Dellen und Wellen seit Jahren kommen und wappnen sich. Ich dagegen bin unvorbereitet und jetzt trifft mich der Alterungsprozess um so härter.
Was nun? Ob ich mich nun auch dem Liposuctions-, Lifting- und Botoxzirkel anschließe, ist noch nicht entschieden. Solange ich jung aussah, fand ich Frauen toll, die in Würde altern und das Rampenlicht gelassen der nächsten Generation – also mir! - überließen. Ich dachte, deren offensichtliche Gleichgültigkeit ihrem alternden Körper gegenüber signalisiere philosophische Gelassenheit.
Der Alterungsprozess ist Naturgesetz, eine narzisstische Kränkung und ein simples Ärgernis. Leichter wäre jedenfalls, daran zu glauben, dass uns der eigene Verfall erinnern soll, dass wir mehr sind als nur Körper, gerade in einer so von Jugend- und Fitnesskult geprägten Zeit. Immerhin fordert uns diese Haltung auf, ein wenig Nachsicht mit Schwäche und Verletzlichkeit aufzubringen. In gnädig kleinen Schrittchen sollen wir verstehen, was Verlust bedeutet. Damit umgehen zu lernen, macht uns angeblich weise. Das Problem ist bloß, dass ich in diesen Fragen immer noch eine blutige Närrin bin.
FRIDA: Eine andere blutige Närrin finden Sie unter diesem Link: Ewige Jugend.
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