Erste Reaktionen

















auf FRIDA

<<< zurück zur neuesten FRIDA

Zu den Texten bitte die  anklicken

IdeeFRIDA Idee

Impressum + KontaktImpressum + Kontakt

Home

Reportage

Meditation in ThailandAlle gehen ins Kloster. Ich haue ab.

Im Tod sind wir dann alle wieder faltenfreiWas kostet Schönheit?

Über die ersten Tage eines Führungskompetenz-LehrgangesFrauen in die Verantwortung

Portrait

Renate Otte, 56,  guckt sich im Osten nach den Frauen um.Hausfrau übernimmt Ost-Betrieb

Frau, Mutter, ProstituierteSybille alias Petra

Ein Gespräch von  Frau zu FrauPumps, Größe 45

Eine hochbegabte Krankenschwester erfüllt sich einen WunschAschenputtel und der Prince of Egypt

Perlen des Alltags

Über den Verlust eines weiblichen AttributesIch kann bohren

politisch nicht korrektMonolog einer Autobahnfahrerin (115 PS)

Das große DramaHuch, eine Maus

Der rettende EinsatzHuch, eine Ente

Macken auf der Seele

Ein freiberufliches Opfer gibt AuskunftStrategie: Das perfekte Opfer

Ich war eine DiebinAussage einer Kleptomanin

Eine schreckliche GeschichteLange Finger

Ausprobieren

Auto zerkloppen gegen die WutAlles Schrott

Wenn eine Frau Striptease -Tanzen lernt, ist das nicht nur für Männer ein VergnügenStriptease

Erotische Fotografie am eigenen LeibSelbstauslöser

Als Blumenverkäuferin auf dem WochenmarktBlumen, schöne Bluumen!

Männer

Männer sprechen über AbtreibungMeine ungeborenen Kinder

Männer reden über Ängste beim SexDas tödliche Schweigen der Frauen

Begegnung mit einem ExhibitionistenExhibition

Familienbande

AbschiedDas Sterben meiner Mutter

Wild auf einen JointHeiligabend in einer fiktiven Familie

Ungeschriebener BriefMeine magersüchtige Schwester

Single-Zeitalter

Gebrauchsanleitung für KontaktanzeigenDas mühsame Geschäft der Partnersuche

EssayÜber die Einsamkeit in einer großen Stadt

LebenshilfeVertrag zur Regelung der Austausches sexueller Handlungen

Kurzgeschichte

KurzgeschichteDie Stadt leer

Zu den Texten bitte die  anklicken

HomeFRIDA Home

Alle Bilder (außer Bohrmaschine und Schrottplatz) und alle Texte: copyright Gabriele Bärtels 2006

Blumen, schöne Bluumen!

 

Samstag Morgen, halb sechs. Die Fenster der umstehenden Häuser sind so geschlossen wie die Augen der hinter ihnen schlafenden Menschen. Der Tag hat sich noch nicht durchgesetzt, als Transporter auf den Maktplatz rollen. Sie enthalten frischen Fisch in Styroporkisten, Tapetentische, Blumenvasen und eiserne Kassen, zusammengerollte Stromkabel, Holzzuber, Rohmilchkäse und Bienenhonig, Markisen.

Bis die Wagen vom Platz gefahren, Preisschilder auf Obst und Gemüse Obst plaziert sind, die Schürzen umgebunden werden und der erste Kunde durch die Gänge läuft, ist stundenlang aufgebaut worden. Dazwischen stehe ich, fröstelnd in der Morgenkühle.

Ich bin die Kundin, die heute ihre Rolle getauscht hat und einmal hinter dem Blumenstand stehen will statt davor. Ich habe schon leere Plastikeimer zum Gehsteig getragen, zum einzigen Wasserhahn auf dem Markt, dort werden Kanister gefüllt, Styroporkisten ausgewaschen, Putzwasser geholt. Cengik, der Student, seit zwei Jahren Aushilfe am Blumenstand, hat gesagt: "In die Knie gehen, Rücken gerade, hoch mit dem Eimer." Während ich zum Stand zurücklaufe, schwappt das Wasser mit jedem Schritt immer höher. Meine Jacke wird nass. Rudi, der Marktschreier grinst.

Vom Fleischer hole ich ein Tablett mit Kaffeetassen. Ein Mann mit grüner Schürze, ein Tablett mit Rührei-Brötchen in den Händen, läuft von Stand zu Stand. Michel, der dicke Franzose vom Crepes-Stand nebenan bringt duftende Crepes in Alufolie. Jetzt wird erst mal gefrühstückt. Peter sagt: "Michel muss nach Paris, eine schwere Operation machen lassen. Er will seinen Stand verkaufen."

Peter arbeitet schon seit Jahrzehnten hier. Rudi auch. Peter bindet Sträuße, 15 DM das Stück. Rudi ist der Frontmann, mit einer Stimme, die selbst die Kirchenglocken übertönt und deren Schallwellen jeden zurückstoßen, der direkt vor ihm steht. Selbst jetzt, als es noch nicht nötig ist, tragen seine Worte mühelos quer über den Markt.

Die Marktleute fahren die Wagen vom Platz, stapeln Kartons, zählen das Wechselgeld. Noch kein Käufer in Sicht.

An die Arbeit. Mit dem Abdorner streife ich die Stiele der Rosen ab, die Peter für seine Sträuße braucht. Dreißig, vierzig, fünfzig Stück. Cengik stapelt Tulpen, "dreißig Freiländer für zwölf Mark", Rudi stopft Preisschilder in die prall gefüllten Eimer mit Ranunkeln, Fresien, langstieligen Rosen. Er dröhnt: "Cengik, mach schneller." Rudi stand schon als kleiner Junge auf dem Markt. Die Zwanzigmarkscheine in der Kasse müssen alle mit dem Gesicht nach oben und in eine Richtung liegen.

Die Sonne geht auf und lässt das Farbenmeer leuchten. Rote Äpfel und weißer Blumenkohl, gelbe Tulpen und rosa Rosen, braune Brote und grüne Oliven. Das Licht fällt auf Obststiegen und Gemüsekisten, Bürsten, Brote, Fische, Putenfleisch, Eier, Oliven und eingelegten Ziegenkäse, Gewürzgurken, Gürteln, Töpfen und was nicht alles noch.

Voila! Berlins schönstes Open-Air-Delikatessengeschäft ist eröffnet.

Die Kundschaft besteht zu einem großen Teil aus gutverdienenden Paaren und Singles. Besonders bei Sonnenschein ist der Markt am Samstag Kontakthof, Erlebniswelt und Laufsteg. Das Nützliche wird mit dem Schönen verbunden. Wer auf sich hält, trägt das richtige Blümchenkleid, den richtigen Bastkorb, die richtige gummierte Jacke, trifft am Käsestand Küsschenküsschenfreunde und erholt sich nach dem Einkauf draußen vor einem der umliegenden Szenecafés bei einem Capuccino. Die Händler bieten die passende Ware zum Blümchenkleid an, in Kräuter eingelegte Schafskäse im Holzzuber, Terracottagefäße mit Blumengestecken, naturbelassene Leinenwäsche.

"Hier hinten", belehrt mich Peter, "darf kein Kunde hin.”

Die erste Stammkundin nähert sich. Seit fünfzehn Jahren kauft sie hier den wöchentlichen Blumenschmuck, "ihre Tochter war damals ein kleiner Steppke und durfte sich immer eine Rose aussuchen", sagt Peter. "Heute ist sie größer als ihre Mutter."

Das meiste, das hier verkauft wird, ist Bundware und die muss der Kunde selber putzen, schließlich kriegt er sie büschelweise für ein "Zehnerle" - wie Rudi auch genannt wird. Der hat sich inzwischen in vorderster Front aufgestellt und ruft ohne Anstrengung bis zum anderen Marktende: "Dreiiiiiißig Freiländer zwölf Maaaark!" Eine schmale, blasse Frau mit Stoffeinkaufsbeutel zuckt zusammen.

Die Kunden treten nur zögernd heran, es ist noch zu früh, als dass sie sich in der Menge verstecken könnten. Aber die ersten Bündel gehen weg.

Ich bin dazu abgestellt, je zehn Tulpen in Folie zu schlagen. Peter macht es vor. "Blüten und Folienkante gleiche Höhe, nicht so schräg wickeln, Tesafilm drum." Ich arbeite mich durch die Eimer, bis ich das Gefühl habe, mindestens 5000 Tulpen in 500 Folien geschlagen zu haben, und so in etwa kommt das wahrscheinlich auch hin. Meine Finger sind nass und kalt. Dagegen hilft auch die Sonne nicht.

Neben mir zupft Cengik verwelkte Blätter von Rosen, bis seine Schuhe rosa bedeckt sind. Rudi liefert sich mit dem Baguettemann einen Gang weiter Marktschrei-Gefechte. "Baguette", schreit er "ich will lieber Jeanette", und "Jaaa, zwanzig Rosen für ein Zehnerle, wie Porzellan seh´n se aus, meine Dame und duften. Riechen kostet nix." Er hält den Strauß mit beiden Händen vor sich, als wolle er ihn feierlich überreichen. Und schon senkt sich eine Kundennase in die altrosa Blüten und eine Hand in ein Portemonnaie.

Die Käufer haben mehr Tüten als Arme und klemmen sich die Blumenbüschel unter die Achseln. Es bildet sich eine Schlange, deren Einzelteile ständig wechseln. Rudi ruft nach hinten: "Peter! Binde Sträuße!" Jeden Mann über vierzig spricht er mit "Herr Doktor" an.

Die Wartenden müssen unterhalten werden. "Hab ich Sie nicht letzte Woche mit einer Blonden gesehen?" ruft Rudi einem Ehemann hinterher. Ein Rundfunkredakteur im zerknitterten schwarzen Anzug kauft zwanzig rote Rosen für seine Frau, "jede Woche!" rühmt Rudi. Mitten im Gewühl steht ein Mann mit Sonnenbrille und hält ein Aufnahmegerät in Rudis Richtung. Später wird er mir erzählen, dass er ein Künstler aus Brooklyn sei und sich das akustische Durcheinander in seinen Ohren wie Vogelgeschrei anhöre.

Keine Tulpen mehr in Folie einzuschlagen. Jetzt werde ich in die "Botanik" geschickt. Da stehen die Topfpflanzen für Garten und Balkon, zehn zu siebenfuffzig, Fleißige Lieschen, Männertreu, Petunien, Chrysanthemen. Margeriten einzeln vierfuffzig oder drei zu zwölf. Schatten? Sonne? Frost? Keine Ahnung, muss mich erkundigen. Kopfrechnen ist gefragt und Wechselgeld richtig herausgeben und ran an den Kunden, nicht abwartend stehen bleiben, immer in Bewegung sein, Töpfe zusammenschieben, Preisschilder geraderücken und "Welche darf´s denn sein?" "Ich guck noch, ich weiß nicht, kann mich nicht entscheiden, habe schon so viele, welche soll ich denn nehmen, passen die zusammen, haben Sie eine Tüte, ich habe nur Hundert Mark, vielen Dank und einen schönen Tag noch."

Es sind meist Frauen, die Balkonblumen kaufen und sie kennen sich besser aus als ich, und dann kommt ein kleiner Junge und hält schützend die Hände um ein Pflänzchen, das kriegt er für eine Mark und besonders schön eingewickelt.

Rudi ruft: "Zwanzig rote Rosen für zeeehn Mark," und Peter bindet Sträuße und schreit von hinten: "Viel zu billig, das kannst Du nicht machen!" und Rudi brüllt: "Das kann ich doch!" und das üben sie bestimmt schon zwanzig Jahre. "Dass Du mir die aber nicht abends in der Kneipe für fünf Mark pro Stück verkaufst", warnt er den Käufer, dem grauen Anschein nach ein Universitätsprofessor, und zwei Frauen kichern sich zu. Ich habe den Witz heute schon zweimal gehört und grinse nur für die Kundschaft.

Zwölf Uhr bis zwei, das ist Highnoon, wir rennen zwischen Kasse und Kunden hin und her. Mitunter vergesse ich die Gesichter, denen ich noch Geld zurückzugeben habe. Zwischen die Blumendüfte zieht Fettgeruch vom Würstchenstand schräg drüben.

Die Sonne scheint, die Eimer mit Peters frischgebundenen Sträußen sind halb leer. Der Preisverfall wird eingeläutet. "Ausverkauf, Wochenende, muss alles raus, alles weg, passt nicht mehr innen Laster!"

Meine zehn Pflanzen für siebenfuffzig kosten jetzt nur noch "Fünf Maaak", und da das nicht auf dem Schild steht, muss ich es verkünden. Zögerlich flüstere ich das Angebot einem Ehepaar zu. Weil die nicht hören, muss ich leider lauter werden und alle Hemmungen abwerfen. "Drei Geranien nur noch zehn Maark" - Im Rahmen meiner Möglichkeiten unterlaufe ich Rudis Bariton. Er gibt die Blumen in immer größeren Mengen weg und plötzlich sind da nur noch fünf Büschel Schleierkraut und hundert leere Eimer. Wir setzen uns hin und rauchen eine.

Der Markt-Tag geht zu Ende. Peter und ich machen einen Rundgang über den Platz. "Guck mal, der hat noch alle seine Stiefmütterchen und der noch fast ein Drittel seiner Blumen. Die da drüben haben heute gut verkauft."

Das letzte Bündel gelber Lilien unter dem Arm verabschiede ich mich und schlendere durch die Reihen. Kisten stapeln, Abfall zusammenfegen, Tücher zusammenlegen, Kabel einrollen, Holzpaletten wuchten, Lappen und Glasreiniger aus dem Wagen holen. Für die anderen ist noch reichlich zu tun. Es werden Stunden vergehen, bis der Platz wieder den Skateboardern gehört.nach oben

<<< Zurück zur neuesten FRIDA