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Striptease
Wenn eine Frau Striptease tanzen lernt, ist das nicht nur für Männer ein Vergnügen ...
"Was soll ich bloß anziehen?" murmele ich und wühle hektisch in dem Unterwäschehaufen auf meinem Bett. Rosa, Schwarz, Rot? Ich lasse die Hände sinken. Sowieso egal - ziehe eh bald alles aus. Oder ist es vielleicht nicht egal?
"Um sich ausziehen zu können, sollte man möglichst viel anhaben", sagte Inge Albert am Telefon. Sie muss es wissen. Deswegen gehe ich zu ihr. Um zu lernen, wie man sich elegant entblättert, möglichst lange, möglichst geschickt und auch noch erotisch. Mein nächster Freund wird es mir danken - so hoffe ich. Denn eigentlich habe ich nicht die Absicht, mit dieser Kunst jemals aufzutreten. Ganz im Gegensatz zu den etwa 250 Frauen (und seit neuestem auch Männern), denen Inge Albert das Strippen in den letzten 11 Jahren schon beigebracht hat. Alle Frauen beschäftigt sie in ihrer eigenen Agentur - auf Beate-Uhse-Dessous & Lackleder-Modenschauen, für Partyüberraschungen, Autopräsentationen, Firmenjubiliäen.
Die Entscheidung: Rosa BH und Stringtanga, Spitzen und Schleifchen umranken meinen Brust- und Beinansatz. Schwarze Stilettos, Schlangenlederhose. Und eine Bluse zum Aufknöpfen - so weit kann selbst ich noch mitdenken: Die zieht sich sicher erotischer aus als ein Pulli.
Vor dem Spiegel: Normalerweise bin ich mit mir und meiner Figur ganz zufrieden. Aber jetzt? Fachmännische Blicke werden mich prüfen. Unter ihnen werden meine Brüste schrumpfen und die Hüften immer breiter auseinanderlaufen, dessen bin ich gewiss. Sowieso reiße ich bestimmt etwas um und stolpere über meinen eigenen BH.
Der Vorgarten. Das Haus. Die Stufen. Die Klingel. Es öffnet Inge Albert und Erleichterung durchflutet mich. Vor mir steht keine Puffmutter, sondern eine schlanke, burschikose Frau mit warmen Augen. Die mag ich.
Nein, sie kommt nicht aus dem Rotlichtmillieu, sondern aus dem Friedrichsstadtpalast. Bei der berühmten Gret Palucca in Dresden hat sie klassisches Ballett gelernt. Als die Grenzen fielen, war sie 42 - als Tänzerin langsam zu alt, und da hatte sie diese schräge Idee: Eine Striptease-Schule und eine Agentur.
Sie bittet mich auf die Terrasse. Kirschbaum, Geranien, Nachbargärten mit Gemüsebeeten. Kein Hauch von Sodom und Gomorrha. "Manchmal stellen sich Frauen aus dem Millieu vor, aber sie haben oft mit Drogen zu tun. In den Bars verdienen sie vor allem am Champagner, und daran, dass sie hinterher vielleicht mit einem Gast ins Bett gehen. Ich nehme sie nicht gern. Ich mag lieber Studentinnen, Hausfrauen, oder Frauen, die sich etwas dazu verdienen wollen - die haben eine frische Ausstrahlung und sind mit 130 DM für zehn Minuten Strippen vollauf zufrieden. Mehr Kundennähe suchen sie nicht und die offeriert meine Agentur auch nicht."
Sie bietet mir etwas zu trinken an und redet weiter. Eigentlich hoffe ich gerade, dass ich es dabei bewenden lassen kann, hoffe, dass uns die Zeit wegläuft und ich meine Haut vor der Entblössung rette. Ob sie spürt, wie schlecht ich zuhören kann? Wie ich mich innerlich verkrieche?
"Frauen brauchen nur eins, um zu wirken: Haltung. Die kommt von innen, die kann man nicht aufmalen, nicht überziehen, nicht anfärben. Und die Schönsten sind nicht unbedingt die Besten. Die Besten sind die, die Spass haben."
Jetzt springt sie auf und bittet mich die Treppe hinab in den Keller. Ich stöckele ihr mit zitternden Knien nach und stehe kurz darauf in einem kleinen Raum, der in diesem gutbürgerlichen Haus überrascht: Über und über, dicht an dicht, Boas, Lederjacken, Lackmützen, Pfennigabsätze und wadenlange Stiefel, Bodys, Corsagen, BH´s, Spitzenhöschen, durchsichtige Negliges. (Ein Traum für jeden Transvestiten.) Der Spiegelwand gegenüber klebt eine Fototapete, ein Katzenposter, am Fenster hängen Spitzengardinen.
"Hosen sind was für Fortgeschrittene", sagt Frau Albert mit Blick auf meine Beine. "Ziehen Sie erst mal das da an." Sie zieht ein durchbrochenes, schwarzes Schlauchkleid heraus. Hose aus, Kleid an. Ich fühle mich wie ein Schaf vor der Schlachtbank. "Schon besser, vielleicht noch das ..." Sie reicht mir lange, schwarze Handschuhe und legt mir eine Boa um, die erste, rosafarbene meines Lebens. Da stehen wir nun. Ich weiss nicht, wohin mit meinen Händen. Inge Albert macht Musik auf Knopfdruck. Ein simpler, rhythmischer Song von Madonna. Ja, den kenne ich. Das kriege ich hin.
Also - die Haltung: "Selbst wenn das zunächst gar nicht spannend ist, aber aus ihr entsteht alles." Wir treten nebeneinander vor den Spiegel und gehen vor und zurück. "Den Kopf hoch, ein offener Blick, die Schultern gerade, den Bauch leicht eingezogen, die Knie durchgedrückt, die Füsse leicht nach aussen. Wenn Sie so in ein Zimmer kommen, wirken Sie nicht ängstlich und fühlen sich auch nicht so. Ganz anders als diese geduckten Hoffentlich-Sieht-Mich-Keiner-Menschen."
Wir bleiben stehen, schwenken die Hüften, lassen die Schultern leicht mitgehen - ich fühle den Takt mit den Füssen und Ruhe stellt sich ein. Das ist ganz leicht. So laufe ich immer, wenn ich gute Laune habe.
Inge Albert sagt: "Das können Sie ja. Nun ziehen wir mal was anderes an."
Was anderes? Was denn? Doch nicht etwa ...?
Inge Albert zieht einen schal-breiten, knallgelben Lackminirock aus dem Regal. Der Reissverschluss ist vorne und zieht sich von oben bis unten durch. Den und eine knallrote Lackcorsage, darüber ein knallschwarzer Lackledermantel. Ich quietsche bei jeder Bewegung. Der Mantel ist wie ein Trench geschnitten und hüllt mich ganz ein.
Ich wage nicht, in den Spiegel zu sehen. Das da bin ich nicht. Das ist eine Andere. Von der will ich nichts wissen.
Ich folge Inge Alberts Schritten. "Den Raum fühlen und sich einteilen, wissen, wo die Mitte ist, den Mantelkragen hochklappen, die Hüften bewegen sich mit, drehen, gehen, stehenbleiben. Lassen Sie sich von einem Mann den Gürtel aufziehen, er wird schon begreifen, wenn Sie ihn ansehen."
Gut, dass wir allein sind. Gut, dass uns niemand sieht. Denn ich bekomme Bodenhaftung, ein vollkommen vertrautes Gefühl stellt sich ein. Die Bewegungen folgen einander von selbst, ich bemühe mich zu verbergen, wieviel Spass ich an der Sache habe. - Es gelingt mir nicht. Das ist unanständig. Das muss wirklich unter uns bleiben.
Frau Albert macht den Mann. Ich lächele sie an, als sie meinen Gürtelknoten löst und der Mantel aufklappt. Madonna singt und singt, "Weitergehen, noch einmal umdrehen, Mantel wieder zuklappen und wieder auf, langsam eine Schulter herausrutschen lassen, langsam, wir haben noch viel Zeit. Zehn Minuten soll ein Strip schon dauern, damit die Kunden sich nicht beschweren." Mein Strip dauert schon 30 Minuten.
Nun soll ich den Mantel wegwerfen, möglichst weit weg und dann geht die Reise wieder los, diesmal ist die Corsage dran. Pausen müssen wir schon machen, damit sie mir zeigen kann, wie der Reissverschluss funktioniert und dann sehe ich mir im Spiegel entgeistert zu, wie ich ihn von oben nach unten aufziehe, langsam und geniesserisch, lächelnd, hüftenschwenkend. Und als ich ihn offen habe, muss ich die Corsage festhalten, dass sie nur nicht frühzeitig verrutscht, tänzele vor und zurück, und lasse sie langsam gleiten. Das ist ja die Höhe!
Nun der Rock. Bücken soll ich mich, damit man seine Kehrseite leuchtendgelb auch noch ganz weit hinten sieht, und ins Hohlkreuz gehen, die Beine immer gerade. "Sonst sieht das Ganze einfach nicht aus."
Ich zögere die Enthüllung volle zwei Minuten hinaus. Und was mache ich jetzt damit? "Geben Sie ihn einem Mann in die Hand." Ich reiche meinen Rock einem leeren Stuhl.
"Sie sind der Dompteur. Sie entscheiden, ob und welches Kleidungsstück Sie wem geben, Sie nähern und entfernen sich, Sie haben Haltung. Will ein Mann Sie festhalten, gehen Sie nur ein Stück zurück. Bleiben Sie vor ihm, lächeln Sie ihn an, drehen Sie sich vor ihm, und dann tänzeln Sie zum Nächsten. So fühlt er sich nicht verprellt."
Meine Bewegungen werden immer freier. "Choreographien studiere ich mit den Mädchen nicht ein. Sie sollen zu ihrer ganz eigenen Art finden und ich unterstütze sie dabei", hat Inge Albert vorhin noch gesagt. Ich fühle mich unterstützt, entledige mich meines BH´s Zentimeter für Zentimeter, lerne Schrittchen auf der Stelle, muss dann doch noch einen anderen String über meinen eigenen ziehen - der hat vorne Häkchen und lässt sich leicht festhalten, "und die Hüfte dabei drehen und die eine Seite laaaaangsam rutschen lassen, und die andere, und immer in Bewegung bleiben, nicht stillstehen." Inzwischen hat sie mir wieder die Boa umgehängt und macht mir vor, wie man sich in ihr verhüllen kann, wie man die Arme mit ihr ausbreitet. Eine Sekunde soll ich mich schon nackt sehen lassen, "aber nicht länger, und den Slip geben Sie keinem in die Hand und dann verschwinden Sie ganz schnell."
Wie man sich einen Strumpf abrollen lässt, indem man einem Mann das Bein auf den Oberschenkel legt ("Hohlkreuz nicht vergessen!"), wie man sich sogar einer Hose elegant entledigen kann, in dem man auf die Erde sinkt, Beine hoch ("aber gerade!"), und jemand anderen ziehen lässt ... es gibt noch viele Tricks und Einzelheiten.
Zwei Stunden sind um. Zu mehr kommen wir heute nicht. Denn jetzt klingelt Amie. Sie ist 25 und verdient sich mit Strippen ihr Studium. Heute nimmt sie eine Stunde, um ihre Haltung zu korrigieren. Sie sagt: "Früher war ich schüchtern. Heute habe ich in der Uni keine Probleme mehr, ein Referat vorzutragen. Ich tu einfach so, als wären die Zuhörer mein Strip-Publikum." Selbstbewusst steht sie da.
Ich hätte Talent, sagt Inge Albert, und als ich das Haus verlasse und ins Auto steige, fühle ich es auch. An der nächsten roten Ampel öffne ich den obersten Knopf meiner Bluse.
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