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Aus der Mode gekommen

von Gabriele Bärtels


Der Frauentyp der Saison war die Jungfrau. Das seidige Haar brav gescheitelt, den Kopf schamhaft gesenkt, trippelten die Models in kleinen Schritten über den Laufsteg und bedankten sich mit einem Knicks für den Applaus. Fadendünne Träger hielten Kleider über eben erblühte Busen. Die Hüften waren so schmal, dass sie in ein Hosenbein gepasst hätten. Schminke in Pastellfarben überhauchten Wangenhaut mit einem milchzarten Schimmer, hilflose Händchen umklammerten Handtäschchen. Das war ja toll. So wollte ich auch aussehen.

Ich kaufte ein schleierdünnes, kniekurzes Chiffonkleid in Himmel-Farben. Mein großer Busen stach sich durch den Stoff, so dass die Creation vorn nicht gerade nach unten fallen mochte. Probeweise drückte ich die Fülle mit den Händen weg. Die hautfarbene Elastikbinde fiel mir ein, die vor Wochen meinen verstauchten Fuß gestützt hatte. Unter einigen Verrenkungen wickelte ich sie fest um meinen Oberkörper. Zufrieden betrachtete ich nun mein Bügelbrettprofil. Tief ein- und ausatmen konnte ich nun zwar nicht mehr, aber der flache Atem sorgt für eine niedrigere Sauerstoffzufuhr, und so musste ich mir den neuen, blassen Teint nicht erst aufschminken.

"Zu dem Kleidchen brauchen Sie unbedingt die richtigen Schühchen", hatte die Verkäuferin gesagt. Ich schaute auf meine Füße. Größe 42. Sie standen in hellblauen Ballerinas mit einem winzig kleinen Absätzchen. Ich war perfekt. Nun musste ich nur noch den unschuldigen Augenaufschlag üben. Auf Kommando erröten konnte ich leider nicht.

Als mein Freund nach Hause kam, zeigte sich die ganze Vergeblichkeit meines Bemühens. Schon im Flur brach er vor Lachen zusammen. "Du siehst ja aus wie ein Transvestit!"

Es ist wahr. Ich bin eine große, kräftige Frau mit lauter Stimme, mein üppiger Busen ist mein ganzer Stolz. Jetzt war ich aus der Mode und in diesen Klamotten ein Gespött. Keine Frage. Ich musste zu Hause bleiben. Ich zog die Gardinen zu, schloss die Tür ab und schämte mich.

Eine Woche später schob ich die Vorhänge einen Spalt auf und schaute aus dem Fenster. Es war Frühling. Wahre Horden von Jungfrauen jeden Alters trippelten verschämt lächelnd über die Straße, nur ein sehr scharfer Blick, nämlich meiner, entdeckte das triumphierende Glitzern in ihren züchtig niedergeschlagenen Augen. Neidisch sah ich ihnen nach.

Die Fenster des Hauses auf der gegenüberliegenden Straßenseite waren geschlossen, aber hatte sich da nicht ein Vorhang bewegt, eine Nase an die Scheibe gedrückt? Ich sah genauer hin. Ja, da stand sie im Schatten. Ein halbnacktes Vollweib mit roter, wüster Haarpracht. Sie biss sich auf die Fingerknöchel. Als sie mich entdeckte, trat sie zurück ins Halbdunkel.

Eine wie ich! Ich warf mir einen weiten Herrenmantel über, drückte den Hut meines Freundes ins Gesicht und huschte über die Straße. Auf mein Klopfen reagierte lange niemand. Endlich öffnete sich die Tür, bis die vorgelegte Kette spannte. "Lass mich rein", keuchte ich, "bevor ich entdeckt werde." Die Kette rasselte, die Tür ging auf. Das Vollweib hüllte sich in einen Bademantel.

Kopfschüttelnd und mitleidig starrte ich auf das zerfetzte, himmelfarbene Chiffonkleid, das das Vollweib aus dem Papierkorb zog und anklagend herumschwenkte. "Lass uns eine Selbsthilfegruppe gründen."

Wir trafen uns in einem Kohlenkeller. Aus der Mode gekommene Damen, Schlampen, Sportskanonen, Intellektuelle, Blondinen, Vollweiber, Rinnsteinprinzessinnen zogen einträchtig über Jungfrauen her und huschten im Schatten der Nacht nach Hause.

Bis ... ja, bis ein halbes Jahr später der neue Typ verkündet wurde. Im Herbst erschien fast gleichzeitig auf Plakaten, in Zeitschriften, Modenschauen landauf landab die neue Frau. Jungfrauen waren out. Schlampen waren in.

In unserer Gruppe waren sechs Schlampen. Von einem Tag auf den anderen tauchte keine von ihnen mehr auf. Sie riefen nicht an, sie entschuldigten sich nicht. Kurz darauf sahen wir sie in scheinbar nachlässig zerrissenen Klamotten auf der Straße stolzieren, die Absätze schief, ihre Haare kunstvoll ungekämmt, die Fingernägel virtuos abgebrochen. "Abtrünnige!" flüsterten wir gehässig und hilflos.

Ein paar Tage später klopften die ersten Jungfrauen. Mit weinerlichen, hohen Stimmen und zitternden Lippen flehten sie um Einlass und Schutz. Wir haben sie umgebracht. Ihre Prinzesschen-Schühchen verbrannten wir im Hinterhof und schworen uns über dem Feuer ewige Treue.

Als die Saison vorbei war, waren die Schlampen klug genug, nicht zurückzukehren.

Obwohl wir uns im Keller verschanzt hatten, drang der Ruf nach dem neuen Typ durch alle Ritzen: Das Vollweib war die Frau der Stunde. Bevor die anderen mich und die Frau aus dem gegenüberliegenden Haus fesseln konnten, waren wir schon ausgebrochen und blinzelten im hellen Sonnenlicht. Die Modemacher sanken uns zu Füßen, priesen unser üppiges Dekollete, unsere Löwenmähnen, unsere Sinnlichkeit. Ich vergaß die Frauensolidarität und glaubte an die Ewigkeit.

 

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