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Ausbrechen

Antwort auf eine Kontaktanzeige

von Gabriele Bärtels

 

 

ausbrechen„Ausbrechen“ stand in der Betreffzeile der dritten Mail, die auf meine Kontaktanzeige eintraf, und schon nach dem Lesen der ersten Zeilen hatte ich einen Herz-Vorfall. Es war ein gradliniger, offener, klarer, kurzer Brief, durch den große Sehnsucht schimmerte. Ich dachte, es wäre die gleiche wie meine und wusste sofort: DER!, was natürlich lächerlich ist.

Es trudelten weitere Zuschriften ein, meistens ehrlich und nett, hin und wieder auffallend witzig oder ausgesprochen warmherzig. Ich sortierte sie unter „Keinesfalls“ und „Mal gucken“.

Im Internet war leicht herauszufinden, um wen es sich bei IHM handelte, sogar ein Foto entdeckte ich. Er sah also auch noch am Besten aus: Schöne Augen, ausgeglichenes Gesicht, hellwach, kraftvoll, lächelnd. Er war ungefähr in meinem Alter und hatte im weitesten Sinn beruflich mit der gleichen Materie zu tun, nur dass er ganz oben auf ihr stand und ich ziemlich weit unten.

Ich setzte mich auf meine Hände, um ihm nicht sofort zurückzuschreiben, aber nach einer Stunde tat ich es dann doch, denn ich konnte nicht länger gegen die Antworten ankommen, die meinen Kopf mit herumschwirrenden Halbsätzen und ganzen Absätzen verstopften. Schließlich formulierte ich eine wohlüberlegt freundlich-witzige, damenhaft dosierte Mail, denn er war ja immer noch ein Fremder, und per Kontaktanzeige fällt man dem anderen Geschlecht ohnehin schon mit der Tür ins Haus. Um keine trügerische Nähe aufkommen zu lassen, blieb ich wie er beim Sie.

ausbrechen1Es ist furchtbar, wenn man nicht weiß, wohin so eine Mail geht, ob der Empfänger sie überhaupt in seinem Postfach findet und je beantwortet. Ungefähr alle zehn Minuten guckt man nach, ob der Server nichts ausgespuckt hat. Man schlägt sich mit neuen Zuschriften herum, die man lieber eine Woche später erhalten hätte, verfasst schonende Absagen und charmante Sondierungsantworten an die beiden anderen Kategorien, fragt sich, ob man IHM nicht viel zu forsch, zu schnell, zu wenig süß geantwortet hat, und fängt schon an, sich zu verfluchen wegen dem Floh, dem man sich selbst ins Fell setzte, und der sich jetzt nicht mehr einfangen lässt.

Kurz bevor ich seine und meine Mail löschen wollte, flatterte seine Antwort herein. Sie bestand nur aus einem Satz, aber der nahm meinen Vorschlag an, ein kurzfristiges Kaffeetrinken anzuberaumen.

Dies registrierte ich, setzte mich erst an meine ewig aufgeschobene Steuererklärung, wählte danach die Nummer eines weniger aussichtsreichen Kandidaten, der sich als dreißig Jahre älterer Kosmopolit entpuppte, an passender Stelle Goethezitate platzierte und mir mit Unternehmerstimme entzückende Komplimente machte. Wir plauderten eine Stunde. Mit Würde akzeptierte er, dass wir in einem alterslosen Raum eventuell eine Chance miteinander gehabt hätten, so leider nicht. Dann bügelte ich noch, und schaffte es auf diese und ähnliche Weise wahrhaftig, die Antwort auf die Mail von IHM auf den nächsten Tag zu verschieben und am Morgen darauf noch bis nach zehn. Mir schwante aber, dass dieser Herr meine Zeilen nicht sehnsüchtig erwartete, sondern Leute zappeln lassen konnte. Er hatte sicher auch schrecklich viel zu tun.

ausbrechen4Seinen Zeitvorschlag nahm ich an, machte einen Ortsvorschlag und fügte hinzu, dass ich mich freute.

ER antwortete zwei Tage lang nicht, und als diese fast verstrichen waren, nahm ich eine Fliegenklatsche und vertrieb damit den Anflug jener Ahnung, die mir Anlass zur Hoffnung gegeben hatte, der potentiell Allerliebste wäre aufgetaucht. Ich hatte ja bereits gesagt: Es war ohnehin lächerlich. So schrieb ich ihm einsilbig und freundlich bedauernd, dass ich annahm, er habe sich bereits schweigend verabschiedet und machte einen großen Punkt dahinter.

Als doch noch seine Antwort eintraf, er sei auf Reisen gewesen und werde pünktlich im verabredeten Café erscheinen, war ich schon einige Grade abgekühlt, aber auch erleichtert. Es blieb die Tatsache, dass er kurz und bündig schrieb, ohne Werbung, ohne ein weiteres offenes Wort. Doch das konnte man in diesem Stadium ja verstehen.

Zwei Stunden vor dem Treffen rief er an. Es ginge heute turbulent bei ihm zu, ob wir den Zeitpunkt vorverlegen könnten, also in zwanzig Minuten? Nur diese Frage, wahrscheinlich eingeklemmt zwischen zwei Termine. Ich hatte nicht einmal Zeit, Herzklopfen zu kriegen.

Wir kamen einander um eine Stunde entgegen. Ich traf Minuten vor ihm ein und sah zu, wie er mich durch die Scheiben des Cafés erkannte und lächelte. Als er an den Tisch trat und sich setzte, gab es von meiner Seite her keinen Bruch zwischen Wirklichkeit und Illusion, er war frisch, gutaussehend, sehr präsent. Eine hauchfeine Drohung ging von ihm aus, ein leiser Ton nur, wie ein bellender Hund, der am Zaun eines entfernten Grundstücks auf und abläuft. Sie passte nicht recht zu seinem harmonischen Gesicht, doch er behielt sie durchgängig bei. In seiner ersten Mail hatte gestanden, er habe keine Angst.

ausbrechen6Er trug einen hellen Rollkragenpullover, bestellte einen Milchkaffee, und würde in einer knappen Stunde einen Termin wahrnehmen müssen. Bruchsekundenlang sah ich meine Finger die geschwungenen Ebenen seines Oberkörpers abtasten, aber meine Hände lagen ruhig auf dem Tisch.

Ich finde es ja auch angebracht, sich über den Anlass eines solchen Treffens nicht auszutauschen. Findet man ein anderes gemeinsames Thema, so ist dies genauso gut, wenn nicht viel besser, denn Stimmigkeit und Dissonanzen zeigen sich in jeder Art von Unterhaltung, und das filigrane, heimatsuchende Herz kann vorerst hinter den Kulissen bleiben.

So waren wir wohl beide froh, schnell solch ein anderes Thema zu finden, zu dem wir auch noch kontrovers standen. Der Unterschied zwischen uns war nur: Ich bin als Privat- und Berufsmensch weitgehend ein und dieselbe, er nicht. Obwohl er gar nicht viel größer war als ich, schaute er von einem hochgestellten Schreibtisch auf mich. Das ärgerte mich derart, dass ich es mit der Heftigkeit meines Widerspruchs zu unserem Thema wohl mehrfach übertrieb. Und dann sagte ich auch noch: „Sie reden dauernd dazwischen“, aber wenigstens lachte ich dabei.

ER zuckte nicht mit der Wimper, trug dieses durchsichtige Ganzkörper-Präservativ, das mir schon öfter begegnet war. Es ist ein Merkmal bestimmter, sehr gefragter Leute, und manchen wächst es an. Keine echte Belustigung oder Verbindlichkeit, keine Wärmekalorie oder Bedürftigkeit dringt durch die Hautoberfläche, man kann nirgends einhaken. Auch wenn diese Menschen außen wahnsinnig aufmerksam und höflich sind, mag innen etwas ganz anderes ablaufen, und man hat nicht die geringste Ahnung, was. Es ist, wie vor einem Spiegel herumzuhampeln.

ausbrechen5„Darf ich Sie darauf aufmerksam machen, dass Sie ebenfalls dazwischenreden?“ fragte er. Ich lachte wieder. Er lachte wieder nicht. Ich hätte ihm eine zärtliche Frage stellen sollen. Er hätte mir ein Kompliment machen können, einfach so, aus männlicher Nettigkeit.

Zwei-, dreimal erwog ich, seine elastische Deckung mit dem Finger zu durchpieksen und fasste ihn direkt ins Auge, aber da nur blanke Förmlichkeit darin schwamm und obenauf dieses kleine Warndreieck, ließ ich es sein und blieb bei der Sache. Er gab ein paar Fertigweisheiten von sich, die er wohl öfter benutzte. Dieser Mann wollte mir weder gefallen noch mir anvertrauen, ob er Rosenkohl mochte oder nicht.

Nunja, das muss man hinnehmen als Partnersuchende, und darf nicht hässlich reagieren, denn jeder hat das Recht auf seinen Geschmack. Es war nur, dass weibliche Souveränität bei solcher Suche durchaus ins Wanken kommen kann und in diesen Fällen einen galanten Arm braucht, und dass er für mich eben nicht der X-te war, aber eigentlich konnte ich das überhaupt nicht wissen.

Um der Serviererin zu bekunden, dass er zahlen wollte, musste er nicht laut werden. Sie kam sofort.

Wenn ein Mann sich mit den Worten verabschiedet: „Melden Sie sich mal, wenn was draus geworden ist“, sich dabei auf die berufliche Materie bezieht, um die sich das Gespräch drehte, darauf winkt und in der Dunkelheit verschwindet, kann eine Frau davon ausgehen, dass es das war.

Und weil wahrscheinlich ICH das letzte Wort haben wollte, schrieb ich ihm noch am Abend eine kurze, supernett-verhaltene Mail mit Dank für die unterhaltsame Stunde, Bedauern, wohl nicht sein Typ zu sein und guten Wünschen für eine Richtigere. Dass er etwa nicht mein Typ war, behauptete ich nicht, womit die Tür einen Spalt offen blieb, aber mir war schon klar, dass es aus dieser Richtung nur zog.

Mehr oder weniger beruhigt ging ich zu Bett, denn einen Mann, der seine Seele in einem Tresor bei sich trägt, wollte ich sowieso nicht „Liebster“ nennen.

ausbrechen2Man kann eine knappe Stunde Unterhaltung ziemlich lange hin und herwälzen. Es fallen einem dabei glänzende Entgegnungen ein, und man fragt sich, weshalb man dieses blöde Berufsthema anschnitt, und ob man eigentlich einen Haschmich hat, in einer Kontaktanzeige von einem Mann Manieren zu verlangen, während man selbst mit Kraftausdrücken um sich wirft. Im Hinterstübchen zirkuliert das Märchen, es werde sich noch alles zum Besten wenden, morgen schon stünde ER mit einem Blumenstrauß vor der Tür. Um vier Uhr früh fragt man sich, ob man ganz bei Trost ist und warum man nicht endlich in den gewohnten Alleinschlaf fällt. Schließlich muss man den sehr berechtigten Einwand gelten lassen, dass ER seine Jalousien bei einer Schöneren, Sanfteren sofort hochziehen würde.

Sonst neigt man nicht zu Selbstgesprächen, aber jetzt schwört man sich zu allen Tageszeiten: „Du wirst ihm auf keinen Fall noch einmal schreiben!“ und kämpft das Herzgespinst nieder.

ausbrechen7Nach einigen Sonnenauf- und -Untergängen ohne neue Nahrung verebben solche Gefühlsaufwallungen, die flüchtigen Eindrücke verblassen, man richtet sich wieder im vertraut-ausgeleierten Alltag ein. Aus dem Abstand wird deutlich, dass es einzig seine erste Mail gewesen war, die mich angezündet hatte, doch die war nicht an mich gerichtet, sondern an das Universum. Das letzte Wort hat er mir höflich überlassen.

Und wenn sie nicht gestorben sind, ziehen die Suchenden weiter ihre Bahn durch die Hauptstadt der Einzelgänger, bremsen an dieser oder jener Station, halten aber die Abfahrtszeiten ein und springen nicht aus den Schienen. Von den anderen Zuschriften war übrigens auch keiner dabei.

 

 

 

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