| Mutterglück: “An?”Die volkswirtschaftliche Bilanz des gemeinen Kleinkindesvon Verena Schmitt-Roschmann
Ich kann nicht ausschließen, dass das Atomkraftwerk Brunsbüttel länger am Netz bleiben muss. Nur unseretwegen. Dermaleinst wird tief im Salz von Gorleben wohl vor einer Glaskokille eine Bronzetafel stehen: Dieser Brennstab wurde von Familie R. aus B. gesponsert.
Denn unser Jüngster liebt es hell. „An?“, fragt er mit der Euphorie des Zweijährigen, der etwas Neues entdeckt hat. Nein, nein, aus, lass das Licht ruhig aus, mahnt Mami. Was einen Zweijährigen nicht im mindesten kümmert. „An!!!“ Und strahlt, noch heller als die Glühbirne.
Wenn wir beim Essen sitzen, fällt der Blick des kleinen Viktor unweigerlich, mal früher, mal später, aber unausweichlich auf die Ikea-Weihnachtsmann-Lichterkette am nahen Regal. Dass es schon nach Ostern ist, soll jetzt mal ohne Belang sein. „Mann!!“, freut er sich.
„ Mann an!!“ Och nee, diesmal nicht, komm, iss mal deine Nudeln weiter.
„Mann!! Mann!! Mann an!!“ zeigt sich Viktor unbeirrt. Jetzt geht die Tonlage bereits ins Schrille. „Mann an!!“ Jeder Widerstand ist zwecklos. Am Ende leuchtet die Männer-Kette, und es glüht der kleine Viktor vor Begeisterung.
Welche Statistik weist eigentlich die Belastung der deutschen Volkswirtschaft durch Kleinkinder aus? Wie, es gibt keine? Macht nichts. Ich habe eine plausible Schätzung. Sagen wir 875 Millionen Euro im Jahr? Das ist jedenfalls auch nicht weniger glaubwürdig als die Hochrechnung, dass 4,5 Millionen deutsche Männer unter erektiler Dysfunktion leiden oder 50 Millionen Deutsche unter Kopfschmerzen.
Nehmen wir nur die Schäden durch das gemeine Bobbycar.
Als wir kurz vor der Geburt unseres ersten Sohnes in unsere Altbauwohnung einzogen, war ich sauer auf die Möbelschlepper, die uns mit irgendeinem Schrank eine Riesenmacke ins Parkett depperten. Wie einfältig kann man sein? Allein die Kratzspuren durch unseren Bobbycar könnten wir jetzt einen Parkett-Meisterbetrieb einen Monat über Wasser halten. Würden wir endlich die Flügeltüren ausbessern lassen, in deren Holz Puppenwagen, Fußbälle, im Zorn weggepfefferte Bauklötze und durch die Gegend geschleppte Stühle und Schreibtischschubladen tiefe Wunden hinterlassen haben, der Maler könnte seiner Freundin ein Wellness-Wochenende in Brandenburg spendieren. Wir haben den optischen Eindruck jetzt erstmal optimiert, in dem wir die vielen schwarzen Dreckfinger vom geschundenen weißen Lack geschrubbt haben. Das kostet nichts und war auch schon ein Aha.
Als mein älterster Sohn ganz klein war, schaffte er ein Kunststück, das seither keines seiner Geschwister zu wiederholen wusste. Bevor er die Tür am Eisschrank offen ließ – freundlicherweise genau auf Kinderaugenhöhe platziert – drückte er zielgenau den Alarmknopf, der das Aufstehen der Tür melden und Schlimmeres verhindern soll. So konnten Filet à la Bordelaise, Spinat und Pommes, Vanilleeis, Blätterteig und Suppengemüse in aller Ruhe vor sich hin schmelzen, ohne lästiges Blinken und Piepen. Zum Glück waren gerade die Mülltonnen geleert worden. Und der örtliche Supermarkt freute sich.
Womit wir längst beim volkswirtschaftlichen Nutzen angekommen wären.
Wie zum Beispiel sollte sich die deutsche Fußball-Abziehbilder-Industrie, die ohne Zweifel einigen Tausend Arbeitnehmern Lohn und Brot bietet, ohne unseren Ältesten am Leben halten? Und wer hat die Bio-Gurken zu Zweieuroneunundzwanzig gekauft, bevor unsere Kinder entschieden, dass alles Gemüse und jeder Salat bis auf Gurken doof sind? Zweieuroneunundzwanzig. Wie alle Leute aus dem vorigen Jahrhundert und zum völligen Unverständnis unserer Kinder gucken wir uns an und empören uns: Fünf Mark! Für ne Gurke! Das kann doch nicht sein! Es kann. Es ist.
Folglich ist an die baldige Sanierung des Parketts oder der Flügeltüren, der schiefen Küchenschranktür oder des durch Turnübungen überlasteten Handtuchhalters im Bad nicht zu denken. Aber wie hieß es im vorigen Jahrhundert? Ihr habt die Erde von uns Kindern nur geborgt. Sollen die doch den Schrott reparieren, wenn sie ihn dereinst von uns erben.
Verena Schmitt-Roschmann ist Journalistin, Mutter von drei Kindern und lebt in Berlin. Weitere Mutterglücksbekundungen von ihr finden Sie im FRIDA-Archiv 2004-2006.
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