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Leserbriefe

Frida kostet nichts, aber das ist nicht wahr

Mann am Rockzipfel?
von Ambros Waibel, Fotos: Gabriele Bärtels

Ambros Waibel ist Autor. Als er diesen Brief an Frida schrieb, lebte er überwiegend von den Einkünften seiner Frau

 

 

Liebe Frida,

Du hast mich gefragt, ob ich nicht Lust hätte, „etwas darüber schreiben, wie es ist, finanziell von einer Frau abhängig zu sein, bzw. es zu fürchten“? Auf meine Antwort: „Über den Artikel denke ich mal nach, auf jeden Fall ein Thema, das mich beschäftigt“, hast Du wiederum geantwortet: „Ja, genau Ambros, deswegen dachte ich daran ... weil das Thema Dich beschäftigt.“

Bei meinen Versuchen zum von Dir gestellten Thema habe ich mich zunächst bei anderen umgeschaut, bei Schriftstellern etwa, um dann das, was ich „von Grund auf“ kenne – also mich und meine Erfahrungen – damit abzugleichen. Dashiell Hammett schreibt zum Beispiel, dass Einbrecher fast nie von ihrem Beruf leben können, sondern immer noch einer anderen Beschäftigung nachgehen. „Die meisten aber“, stellt er dann nüchtern fest, „leben von ihren Frauen.“

muenze1So eben auch ich, seit knapp zwei Jahren. Nicht, dass ich gar kein Geld verdient hätte. Ich gehöre durchaus zur Gemeinschaft der Steuerzahler, Kranken-, Renten- und Pflegeversicherten. Auch mein Bier und meinen Kaffee kann ich meistens zahlen, ohne um Geld zu bitten. Ich verdiene sozusagen mein Taschengeld, konnte auch schon mal das Auto in die Werkstatt bringen und den Betrag von meinem Konto abbuchen lassen. Aber dass ich die Hälfte oder wenigstens ein Drittel unserer gemeinsamen Lebenskosten beisteuern könnte – dazu hat es im genannten Zeitraum nicht gelangt.

Ein Grund, warum ich mich so schwer tue mit diesem Text, ist: Mir macht das nichts aus. Und ein Grund dafür ist, dass ich in meinem Leben erst dreimal finanziell unabhängig war: Als Zivildienstleistender für anderthalb Jahre; als Empfänger eines Autorenstipendiums für ein halbes Jahr; und als Sozialhilfeempfänger für wiederum ein Jahr. Jetzt bin ich 36, macht 33 abhängige gegen 3 unabhängige Jahre – und dabei habe ich seit meinem 17. Lebensjahr immer gearbeitet, als Nachtwächter, als Putzmann in der Psychiatrie, als Skilehrer, als Reiseleiter, als Schauspieler, als Kellner und als Koch, als Regisseur, als Journalist und als Schriftsteller. Zehn Jahre lang haben mir meine Eltern sechshundert Mark im Monat überwiesen. Damit und mit den Jobs kam ich hin – so oder so.

Aber ich sehe schon (und Du erst!), dass ich an Deiner eigentlichen Frage vorbeimanövriere. Wenn Männer sich emanzipiert nennen, dann ist das nicht sehr viel unangenehmer, als wenn Frauen sich selbst Sinnlichkeit attestieren. Aber, liebe Frida, glaubst Du wirklich, es würde mir als Mann etwas ausmachen von meiner Frau als Frau abhängig zu sein? Ich dachte, diese Zeiten seien vorbei.

Aber ich weiß natürlich, dass es nicht so ist, und darin steckt die Krise des westlichen Mittelstandsmannes. Der nämlich soll a) ein zärtlicher, sich kümmernder Vater sein und seine Hälfte der Hausarbeit übernehmen b)einen möglichst großen, mindestens aber den halben Teil des Familieneinkommens verdienen und c) ein wilder, aufregender, jedenfalls irgendwie nonkonformistischer Mann bleiben – berechtigte Anforderungen! Nur, dass die Männer unter meinen Bekannten und Freunden, die das versuchen, so seltsam verhärmt aussehen – Herzinfarktkandidaten; und dass sie eine verschwindende Minderheit bilden im Vergleich zu den Männern, die sich dieser Dreifachbelastung gar nicht erst stellen und zu jobfixierten Monaden werden – und wenn wir, was wir sehen und lesen ernst nehmen, dann haben diese Männer ja wohl in dem Sinn Recht, dass sie zeitgemäße Menschen sind. Dazu lese ich in den zuständigen Magazinen, dass hoch qualifizierte Frauen keine Männer mehr finden, weil die Heirat nach unten immer noch sozial geächtet ist (Chefarzt - Krankenschwester kein Problem, Chefärztin – Pfleger no way), und weil oben einfach nicht genügend bindungswilliges Material zu den unter a), b), c) genannten Bedingungen vorhanden ist.

Wahrscheinlich muss ich jetzt noch von der Liebe sprechen. Liebe, könnte man ja mit einigem Recht sagen, ist die Reinform der Abhängigkeit, beziehungsweise für uns relevanter: Abhängigkeit ist die Reinform der Liebe. Ich fürchte, das ist meine romantische, irrationale Meinung.

Die Frau, der Mann, die Liebe, das Paar – ich weiß, dass das alles als-ob-Begriffe sind, die große Komödie, bei der wir alle mitspielen, bis wir nach Genf oder Burma versetzt werden, und die Telefonrechnung zu hoch wird. „Die Liebe wird nicht geliebt“ wusste Franz von Assisi schon vor knapp tausend Jahren. Etwas Neues entsteht, und wir sind Zeugen. Mit der Liebe im alten Sinn hat das alles nichts mehr zu tun, denn Liebe ist ausschließlich, verbindlich, lebenslang, hat gerade da sich zu bewähren, wo es mies wird, hat tendenziell selbstzerstörerischen Charakter, kommt nicht aus ohne den Begriff des Opfers – und was dergleichen atavistische Scheußlichkeiten mehr sind, die dann in so genannten Familiendramen in Niederbayern oder in mit Messern vollstreckten Zwangsehen in Berlin enden.

Mein Brief an Dich, liebe Frida, geht zu Ende. Ich muss mich um die Ablösung meiner Abhängigkeit kümmern. Einige mehr oder weniger attraktive Jobangebote liegen auf dem Schreibtisch und wollen beworben werden. Auf soziale Grundsicherung zu hoffen hat ja keinen Sinn, wir erwarten unser zweites Kind, und ich akzeptiere seinen Anspruch, von der Mutter gestillt zu werden, die der Vater währenddessen mit allem Nötigen versorgt, hereingeholt von draußen, aus dem feindlichen Leben. Die Komödie der Abhängigkeiten hört so schnell nicht auf. Ich jedenfalls bin immer noch sehr gespannt, wie sie ausgeht - und es ist schön, Dir das schreiben zu können.

Auf bald, Dein Ambros

 

Ambros Waibel, geboren 1968, ist Autor und lebt in Berlin. Zuletzt erschien die Biographie über den Schriftsteller Jörg Fauser "Rebell im Cola-Hinterland", Edition Tiamat, 2004 ("Umwerfend gut recherchiert, spannend geschrieben" DER SPIEGEL; "Ausgezeichnete Biographie" DIE ZEIT).nach oben

© FRIDA 2005

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