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Vier alte Jungfern kenne ich näher. Allen gemeinsam ist ihre Magerkeit und dass ihr Körper auf eine merkwürdige Weise keine Rolle zu spielen scheint, obwohl er dauernd unter Spannung steht. Er hat mehr spitze Seiten als runde, zieht sich besonders im Brustbereich nach hinten und ist akkurat bekleidet: Das fleckenlose, hoch geschlossene T-Shirt wird mit Halstuch, gelegentlich mit einem kleinen, neckischen Schmuck dekoriert, doch nicht zu neckisch.
Drei dieser Jungfern brauchen keine Büstenhalter. Mindestens zwei, das kann ich verbürgen, tragen noch im Sommer Unterhosen mit maximaler Stofffülle: Also hüfthoch, oberschenkellang, dick und warm. Im Übermut eine andere Frau zu umarmen, käme ihnen nicht in den Sinn, und wenn sich eine vor ihnen auszieht, wenden sie hastig die Augen ab, doch schielen heimlich wie Diebinnen.
Die älteste ist achtundachtzig Jahre alt. Sie sagt, der Krieg sei daran schuld gewesen, dass sie keinen Mann gefunden hat. Die Hälfte daran mag wahr sein, aber gab es nicht auch nach dem Krieg Sex? An ihr ist der Kelch jedenfalls vorbei gegangen. Sie hat nie mit einem zusammengelebt, arbeitete bis zur Rente in der Buchhaltung und engagiert sich seitdem sozial. Männer kommen in ihrem Leben nur als Handwerker vor oder als Ärzte. Sie pflegt einen höflichen Umgang mit dieser Spezies.
Die Jüngste – neununddreißig – war zehn Jahre verheiratet gewesen und sprach von ihrem Gatten wie von einem Heiligen. Sie ist eine von denen, die keinen Hauch Zigarettenrauch in ihrer Nähe ertragen können, nicht einmal im Garten. Sie wird dann unruhig und fahrig, und für Sekundenbruchteile wird ihr Gesicht von purer Gehässigkeit überwältigt. Sie kann es nicht lassen, jeden zu korrigieren, der ein Wort falsch benutzt, bemüht sich aber, dies freundlich zu tun. Ihr Haar ist sehr früh ergraut.
Sie wollte unbedingt ein Kind haben, doch alle Bemühungen, auch die medizintechnischen, haben nicht gefruchtet. So erprobte sie ihre Erziehungsmaßnahmen an Nichten und Neffen. Die Kinder blieben höflich, aber folgten ihr nicht, und obwohl sie sich in lustiger Babysprache versuchte, drehten sie sich bei der ersten Gelegenheit weg und liefen zu Mama.
Eine dieser alten Jungfern hatte neulich einen Umzug zu bewältigen. Es kamen zwei Freundinnen zur Hilfe, die einzigen Männer waren ein Paar bezahlter Studenten. Sie circte in den höchsten Tönen mit ihnen herum, griff sogar einmal nach einem muskulösen Oberarm, doch es war eindeutig zu wenig manpower für ihre Bücherkisten. Die schweißüberströmten Herren bekam erst nach getaner Arbeit Wasser angeboten und wurden laut gelobt, aber nicht mehr angefasst oder zur Tür begleitet. Wie schon in der Wohnung davor wird hier vieles Handwerkliche unterbleiben.
Alle vier Jungfern haben etwas Unnachgiebiges hinter ihrer betont zerbrechlichen Erscheinung, und es befällt einen in ihrer Nähe häufig das Gefühl, es könne einem ein thematischer Fehltritt unterlaufen, der den Kommunikationsfluss empfindlich stören würde. Irgendwo am Ufer steht ein unsichtbares Warnschild, bestimmte Themen nicht anzusteuern. Selbst wenn sie einen zum Beispiel auffordern, von der aktuellen Liebesgeschichte zu erzählen, bleibt man seltsam allein damit, fühlt sich unverstanden und peinlich, denn sie haben nichts beizusteuern und nicken betreten, wenn die Rede auf Leidenschaft kommt oder auf nach links gebogene Penisse. Sie zupfen sich einen Fussel vom Ärmel, ihr verständnisvolles Lächeln enthält eine Prise Herablassung, ein Kichern käme ihnen nicht in den Sinn.
Die Mittlere isst wie ein Vögelchen und nach strengen Regeln. Sie wäre eine Schönheit, wenn ihre Lippen nicht so zusammengepresst wären, ihre Schultern nicht so krumm, ihr Körper kein Gewirr aus Drähten. Sie vergisst sich nie, nicht einmal beim Lachen gerät sie außer Rand und Band. In ihren Zügen findet sich etwas Leichen-ähnliches: Die nach innen gezogene Wangen- und Mundpartie. Was Leichen fehlt, ist ihr überforderter, schmerzlicher, entsagender Ausdruck. Ihr Körper krankt an wechselnden Symptomen, die gewichtige, lateinische Namen tragen, weswegen sie häufig beim Arzt sitzt oder alternative Heilmethoden ausprobiert und folglich mit inneren Vorgängen vollauf beschäftigt ist.
Auch die anderen drei werfen selten Gesprächsthemen auf, die über ihren eigenen Erlebensbereich hinausweisen. Man hat den Verdacht, sie läsen keine Zeitung, als sei nur das existent, was sich direkt auf sie selbst bezieht. Von Großereignissen in der Stadt wissen sie nichts und nähmen auch nie teil. „Diese vielen Menschen!“ Sehr gut Auskunft können sie allerdings über Soja, Rosenquarze und Wunderheiler geben.
Ein religiöses Streben vereint sie alle, obwohl sie völlig verschiedenen Berufen nachgehen. Zwei von ihnen glauben, selbst eine Heilerin zu sein, die dritte liebt einen zwanzig Jahre älteren Zirkuspfarrer, der seine Seelsorge im Ausland betreibt, den sie nicht öfter als einmal pro Jahr sieht, weswegen sie diese raren Ereignisse unaufhörlich wiederkäut. Man darf vermuten, dass sie nicht einmal weiß, in welche Richtung sich sein Penis biegt.

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