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Das Alphaweibchen
Portrait von Gabriele Bärtels
Vera steht eine große Karriere bevor, denn sie ist eine sehr gute Sängerin. Sie hat einen Vertrag bei einer namhaften Plattenfirma unterschrieben - es wird auch Zeit, sie ist dreißig und da vergehen die Chancen zehnmal so schnell wie ein Lebensjahr. Sie hat Musik studiert, ist als Osterei auf Messen aufgetreten, arbeitete lange als Studiosängerin und moderierte fröhliche Kinderprogramme im Radio. Sie ist im Chor eines Countrysängers durch Deutschland getingelt, und manchem weiblichen Popstar lieh sie ihre Stimme. Jetzt endlich dreht sich alles um Vera. Das war nur eine Frage der Zeit, das findet auch die Nachbarin aus dem vierten Stock. Eigentlich ist es sogar ein Muss, denn Vera hat kein Leben neben der Karriere. Sie liest keine Zeitung, keine Bücher, sie interessiert sich nicht für fremde Länder oder für Esskultur.
Ihre Wohnung ist keine Wohnung, sondern ein Tonstudio mit Küche, Bad und Katzenklo. Ihr Bett ist aus Pappe und die einzige Sitzgelegenheit. Es steht vor dem Fernseher, der praktisch immer läuft, wenn Vera nicht gerade komponiert oder textet oder telefoniert. Veras Handy ist eine Erweiterung ihres Seins. Es piept, dudelt und surrt ohne Unterlass. Deswegen dauert kein Gespräch mit Vera länger als drei ununterbrochene Minuten, und wenn sie während des Telefonates hin- und herläuft, schweigt der Besucher ehrfürchtig.
Vera ist nur groß, wenn sie hohe Schuhe trägt, ihr Körper ist schmal wie der eines Kindes. Ihr Gesicht ist hübsch, aber eine Idee zu hart, das mag an ihrem spitzen Kinn liegen oder an ihren schmalen Lippen. Sie hält nie lange genug still, damit man es herausfinden kann. Sie redet laut, und wenn sie lacht, verzerrt sich ihr Gesicht. Ihr Gesicht verzerrt sich auch, wenn sie raucht. Sie raucht viel und wühlt sich oft mit den Händen durch die kurzen Haare. Ihr Gang ist kumpelhaft, wippend, sie fällt mit Betonung von einem Bein auf das andere. Erotisch wirkt das nicht, obwohl Vera sehr gern erotisch ist.
Aber reden wir zuerst von der Katze mit dem weißen Fell. Vera liebt ihre Katze und würde alles Nötige für den Tierarzt ausgeben, selbst wenn es unbezahlbar wird. Die Katze darf alle Tapeten herunterreißen. Sie darf auch auf das Dach und in fremde Wohnungen hüpfen, sollen die Mieter doch die Fenster zumachen. Eigentlich ist Vera viel zu häufig unterwegs, um ein Tier zu halten, aber sie ist der Meinung, dass Katzen sehr gut allein bleiben können, auch wochenlang. Die Nachbarin kommt dann einmal am Tag, säubert das Klo und füllt den Fressnapf, doch das Tier lässt sich nicht blicken. Vera sagt: „Sie hat eine schwere Vergangenheit. Sie liebt nur mich.“
Vera bedankt sich für die Fütterung, indem sie die Nachbarin in ihre Nähe lässt und sie bei einem Konzert hin und wieder auf die Gästeliste setzt. Die Nachbarin ist eine schüchterne Büroangestellte, und Vera mit ihrer Popmusik und ihrem starken Auftritt ihr Guckloch in die echte Welt. Manchmal hofft sie, Vera singen zu hören, aber Vera singt nie aus Spaß. Manchmal hofft sie sogar, Veras Freundin zu werden, aber sie will nicht aufdringlich erscheinen. Vera kocht ihr gern einen Kaffee, dann sitzt die Nachbarin auf dem Papp-Bett, hört Vera beim Telefonieren zu und erkennt von selbst, dass sie unwichtig ist und unscheinbar. Immerhin wird sie später erzählen können, dass sie Veras Katze gefüttert hat und schon mal einen halbfertigen Song hören durfte, der vielleicht eines Tages ein großer Hit ist.
Vera ist keine Egoistin. Abgebrannten Musikern leiht sie Geld, auch wenn sie selbst keines hat und ziemlich sicher ist, es nie wieder zu sehen. Ein von zu Hause weggelaufener Fan von ihr, ein verstörtes, junges Mädchen, durfte sogar bei ihr schlafen, bis es eine Wohngruppe fand. Jetzt hilft das Mädchen manchmal bei Auftritten aus und will so werden wie Vera.
Deren Hinwendung an schwache Geschöpfe macht auch vor einem halbtoten Vögelchen nicht Halt, das sie bei den Mülltonnen entdeckt hat. Es ist aus dem Nest gefallen. Sie bettete es in ein Tempotaschentuch-Nest und träufelte durch eine Spritze Wasser in sein Schnäbelchen, auch als es sich endgültig nicht mehr rührte. Vera fühlte sich tagelang düster, doch eine Träne vergoss sie nicht. Sie begrub das Vögelchen im Hof, und die Nachbarin stand daneben und war sich wieder bewusst, dass ihr eigenes Herz nicht halb so groß wie Veras ist.
Manchmal fühlt Vera sich auch einfach so düster. Wenn sie dann fernsieht, und in den Nachrichten wird von irgendwo auf der Welt eine Katastrophe gemeldet, weiß sie, dass ihre Melancholie nicht aus heiterem Himmel kommt. Sie ruft die Nachbarin an und fragt, ob sie zufällig Zigaretten holen geht, und ob sie ihr welche mitbringen kann und erzählt, dass schon Mutter und Großmutter diese Ahnungen hatten. Natürlich geht die Nachbarin sofort Zigaretten holen, obwohl sie gerade erst nach Hause gekommen ist. Ist doch eine Kleinigkeit gegen den großen Weltschmerz.
Vera braucht ein paar Tage, um sich zu erholen, dann bleibt sie auf dem Bett liegen und niemand bekommt sie zu Gesicht; nicht einmal ihre Mutter, eine alleinstehende, sanfte, wehrlose Frau, die jede Woche zum Putzen kommt und ihrer Tochter etwas kocht. Ihre große Liebe, Veras Vater, ein Konzertgeiger, starb, als Vera drei Jahre alt war. Danach heiratete sie einen gewalttätigen Säufer und kam lange von dieser Ehe nicht los. Der Stiefvater lebt nicht mehr, aber Vera hasst ihn noch heute, während sie die wenigen Fotos ihres Vaters verehrt.
Mit ihrer Mutter spricht sie wie zu dem Vögelchen. Sie liegt dabei auf dem Papp-Bett und lässt sich von ihr das Essen bringen. Die Mutter sitzt auf die Bettkante und wagt nicht, ihre Tochter mütterlich zu berühren. Vera schaut so tapfer aus. Sie tätschelt ihr nur die Hand. Als Veras Handy klingelt, steht ihre Mutter auf und greift nach dem Besen.
Es ist ein Mann am Apparat, man hört es an Veras verführerischer Stimme. Mit den meisten Frauen kann sie nichts anfangen. Sie sind langweilig, zögerlich, intrigant und kichern niedlich. Vera ist unabhängig und stimmgewaltig und kriegt jeden Mann, den sie haben will. Sie sagt: „Wenn ich einen kennenlerne, will ich wissen, wie sein Schwanz aussieht.“ Vera hat weit mehr Schwänze gesehen als diese Frauen. Ihr Freund, der nicht mit ihr zusammen wohnt, unterschätzt das Ausmaß. Er ahnt nicht, dass Vera einen ganzen Kreis von Männern hat, mit denen sie sich über die Jahre immer wieder trifft und ständig neue dazugewinnt.
Wenn er sie besucht, ist sie ganz für ihn da, oder besser: Er für sie. Sie spielt ihm neue Songs vor, sie liegt in seinen Armen, aber er streichelt sie vergeblich, etwas in ihr, eine unscheinbare, kleine Stelle, bleibt hart, obwohl sie in Babysprache zu ihm spricht, und auch er bald jedes R durch ein L ersetzt. Wenn er fortgeht, sieht er nie richtig glücklich aus, aber er ruft bald an, oder Vera schickt ihm eine SMS, so geht das den ganzen Tag in dieser albernen Sprache. Die Nachbarin trifft ihn auf der Treppe und wünscht sich auch eine so tolle Liebe mit so einem gutaussehenden Mann. Doch sie könnte ihm nie derart selbstbewusst gegenübertreten. Vera kann. Manchmal will sie ihn nicht einmal sehen.
Schon eine Stunde später klingelt ein Roadie, den Vera auf einer Tour kennengelernt hat, ein neuer Gitarrist, ein bekannter Schlagersänger. Es reicht ein Blinzeln im Augenwinkel, eine hastige Berührung, schon ist die Verabredung gemacht, der Ort gefunden, der Schwanz betrachtet und versenkt, die Lust geteilt, es sind alles Freunde. Kondome braucht es wegen Vera nicht, obwohl sie ihren Freund glauben lässt, dass sie welche benutzt. Sie ist gesund, einen AIDS-Test müsste sie mal machen, aber sie hat so wenig Zeit.
Wahllos ist Vera nicht, obwohl es manchmal den Anschein hat, denn die Männer zwischen ihren Beinen haben wenig gemeinsam. Wenn sie nach einem Konzert backstage steht - die Leute aus der Branche sind alle da, und VIP-Ausweise baumeln um ihre Hälse, dann schlängelt sie sich an den Wichtigen heran. Dieser Mann wird im Auto, unter einer Brücke, im Hotel Veras mageren Körper entdecken und feststellen, dass ihre Schamhaare abrasiert sind und sie unten aussieht wie ein Kind. Der Wichtige ist das Alphamännchen - wie sie sagt - und sie ist ein Alphaweibchen. Aber Vera liebt auch die weichen, die kleinen, die durchgeknallten. „Ein Schüchterner kann eine überraschende Körperlichkeit entfalten, und ich komme dreimal“, erzählt sie der Nachbarin, die verständnisvoll nickt und sich wie eine alte Jungfer fühlt.
Nun ist Vera Chefsache in der Plattenfirma und wird ganz groß herausgebracht. Sie sprüht vor Stolz und Energie. Aber sie, die sonst alles selbst vorantreibt, muss jetzt tatenlos warten, bis eine Entscheidung fällt und wird von Termin zu Termin geschoben. Der bekannteste Fotograf, der einfallsreichste Video-Clip-Regisseur, der angesagteste Visagist, alle machen sich ein Bild von ihr. Leider sieht man den Fotos an, dass Vera sich in ihrer Aufmachung und Haltung nicht wohl fühlt, man spürt eine seltsame Unsicherheit, die sonst keiner von ihr kennt. Das Video kommt bei den Musiksendern nicht gut an, der Song wird im Radio kaum gespielt, aus der CD wird eine zweite Single ausgekoppelt, aber nach einem halben Jahr ist klar, dass die Sache ein teurer Flop ist.
Die Nachbarin erfährt davon nichts. Vera trauert nicht öffentlich. Sie erzählt nur, dass sie die Plattenfirma gewechselt hat. Es klingt ganz nebensächlich. Beiläufig erwähnt sie ihren neuen Job als Sängerin einer Coverband, die am Wochenende auf Hochzeiten spielt. „Gutes Bühnentraining“, sagt sie, „kannst Du dann meine Katze füttern?“
Das Handy klingelt, Vera wartet die Antwort der Nachbarin nicht ab, nickt ihr zu – das Gespräch wird länger dauern - und bringt sie auch nicht an die Tür. „Tommy“, schmeichelt sie in den Hörer.
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